ISLAND

Schon seit Jahren diskutieren Kulturpessimisten, ob die Idee des Indierock, dessen Ästhetik die Rockmusik der 90er-Jahre nachdrücklich prägte, mit dem Jahrtausendwechsel auserzählt war. Es heißt, man finde heute kaum noch Spannendes in diesem Genre, Neues schon gar nicht. Eine berechtigte Frage und gleichzeitig Nonsens, kaum dass man eine junge Band wie ISLAND hört: offenkundig in genau diesem Umfeld aufgewachsen und eingebettet, klingen sie trotzdem erfrischend anders, neu und absolut unverwechselbar. Weshalb die britischen Fachmedien das Quartett prompt zur neuen Sensation und zu „einer der aufregendsten Bands der Gegenwart“ (Wonderland) erklären. Anstelle von Show und großen Gesten setzen ISLAND jedoch vor allem auf die Kunst des Weglassens und die Magie größtmöglicher Entschlackung und Kondensierung. Auf dem im Frühjahr erschienenen Debütalbum „Feels Like Air“ sowie einigen Single-Auskopplungen, die auf Spotify bereits jeweils viele Millionen Male angeklickt wurden, zeigte sich schon, was ISLAND live noch intensiver zelebrieren: Gerade aus Bedächtigkeit und Reduktion maximale Energie und Intensität zu schöpfen. Am 18. und 19. Februar lässt sich dies auch in Deutschland erleben, im Rahmen zweier Shows in Köln und Berlin.

Unter jungen britischen Bands existiert für Konzerte in London eine Art ungeschriebenes Karriere-Gesetz, das besagt: Wenn du das Scala ausverkaufst, hast du es in ganz Großbritannien aus der Masse gesichtsloser Indie-Bands geschafft und bist auf bestem Wege zur Massen-Euphorie. Das liegt sowohl am Renommee dieses geschichtsträchtigen Live-Clubs, in dem schon viele Rock-Karrieren ihren Anfang nahmen, als auch an seiner Kapazität von 800 Zuschauern – einer Größenordnung auf dem Sprung zum Breitenphänomen.

Als die vier Teenager Rollo Doherty (Gesang, Gitarre), Jack Raeder (Gitarre), James Wolfe (Bass) und Toby Richards (Schlagzeug) 2015 die Band ISLAND gründeten, genügten ihnen ganze zehn Monate und eine eigenverantwortlich produzierte und veröffentlichte EP für ihre erste restlos ausverkaufte Scala-Show. Seither spricht das versammelte Königreich über diese Band, dessen intuitive Gelassenheit und demonstrative Unaufgeregtheit im krassen Widerspruch zur Jugend der Bandmitglieder steht. Sowie zu den üblichen Mechanismen der britischen Hype-Kultur, in der Effekte oft mehr zählen als große Songs.

Die Musik von ISLAND lebt gerade von ihren feinsinnig durchdachten, dichten Kompositionen bei völliger Effektfreiheit, die sie nur umso heller und magischer erstrahlen lassen. Eine Erkenntnis, die die meisten Rockmusiker erst im Verlauf einer langen Karriere gewinnen. ISLAND hingegen erklärten es schon mit ihrem ersten Song zum entscheidenden Bandprinzip und zeigen ihrem Publikum seither bei jedem Konzert, wie viel Kraft tatsächlich in der Ruhe liegt.